Fotovoltaik – Verpasse ich hier eine Chance?

Too late to the Party? – die Frage hab ich mir gestellt. Mit knapp 1300 Wörtern berichte ich euch mal von meinen ersten Erfahrungen zu dem Thema: Eigenen Strom aus der Sonne erzeugen und damit die Geldbörse entlasten.

Alle haben das – will ich das auch?

Um mich herum sprießen die Fotovoltaik-Anlagen wie Moos auf den Dächern der Einfamilienhäuser. Auch mein sehr geschätzter Schwager hat schon seit einigen Jahren eine und ein anderer sehr geschäftstüchtiger Schwager hat dieses Jahr nachgerüstet.

Die verschissenen Preisanstieg, der wunderbar durch den Ukraine-Krieg herbeigeredet wurde und nichts mit der Realität zu tun hat, hat mich zusätzlich ins Grübeln gebracht. Will ich das? Brauch ich das.

Auf meine regelmäßige gestellte Frage: „Und? Zufrieden?“ zücken die Besitzer der Anlagen (und es sind immer die Männer, die Frauen geben das Thema vertrauensvoll in die Hände Ihrer Partner) das Smartphone und zeigen mir auf einer App wilde Grafen und faseln von Wirkungsgrad und was schon an Strom erzeugt wurde. Die ganzen Aussagen sind aber immer sehr wild. Nachvollziehen oder faktische Zahlen nennt mir nie jemand. Und sowas macht mich stutzig. Ist es hier am Ende der Vorwerk-Effekt?

Es hilft nichts, ich muss da wohl durch und mich mal von einem Verkäufer beraten lassen und da hoffentlich vollständig und belastbare Zahlen erhalten.

Die Beratung

Als dann irgendwann im April / Mai ein älterer Herr an meiner Tür stand, der mich fragte, ob sein Unternehmen mit zum Thema Strom aus Sonnenkraft beraten dürfte, willigte ich ein. Erst im August klingelte mein Handy und es wurde ein Termin vereinbart. Der Termin war dann diese Woche.

Ein junger dynamische und freundlicher Mensch kam zur Tür herein. Wirkte sehr ehrlich und offen und hatte aber ein sehr genaues Drehbuch in seinem Kopf. Nach dem Fotos vom Dach gemacht und Dachpfannen vermessen wurden, setzen wir uns an den Küchentisch und die Beratung begann. Mir wurde die Frage gestellt, was ich mit der Anlage erreichen wollte. Eine Frage, die mich vollkommen überrumpelte. Ich fühlte mich beinahe wie in einem Bewerbungsgespräch. Aber im Laufe der nächsten 60 Minuten wurde klar, dass er mir eine Aussage entlocken wollte (Geld sparen) auf die er dann immer wieder zurückgekommen ist.

Es begann eine Vorstellung der Produkte. Alle Komponenten sind natürlich auf dem aller neuesten Stand und beste Qualität. Aussagen die getroffen wurden aus dem Gedächtnis:

Der Hersteller der Elemente sitzt in Berlin. Der spricht Deutsch. Das ist wichtig, wenn es Reklamationen geben sollte.

Die Elemente haben 30 Jahre Garantie. Damit ist aber ja klar, dass die nicht kaputtgehen. Welcher Hersteller würde eine solche Garantie aussprechen, wenn er die nicht halten könnte?

Sie buchen das Fernwartungs-Paket, damit haben wir Ihre Anlage im Blick und können immer aktiv werden. Und wenn was getauscht wird, dann kostet sie das nichts, weil sie ja das Installationspaket dazu buchen.

Besonders Brandschutz sicher.

Und viele weitere, die ich schon wieder vergessen habe. Viel Spiel mit den Ängsten der Menschen. Die Dinge können brennen und kaputtgehen … aber nicht bei uns. Kaufe hier und jetzt bei mir und du wirst nie wieder Probleme haben.

Und er hat mir Pakete vorgestellt, die man zu buchen kann, davon aber abgeraten. Vertrauenerweckende Maßnahmen. Gar nicht dumm.

Er hat mich sicher nicht angelogen, aber eben viel Schlangenöl verkauft.

Beispiel: Ich darf 736 € für eine Montagekosten-Garantie zahlen.

Innerhalb der Garantie bekommen Sie nicht nur das Produkt ersetzt, sondern wir garantieren auch den kostenfreien Austausch.

Etwas, das ich eigentlich voraussetze. Wenn mein Kühlschrank innerhalb der Garantie getauscht werden muss, wird mir der kostenfrei ersetzt. Selbst bei meiner Heizung waren die ersten Reparaturen und Serviceeinsätze kostenfrei, weil halt innerhalb der Garantie. Mag sein, dass sowas rechtlich okay ist. Mich ärgert sowas dennoch.

Auch das ganze Fernwartungs-Paket. Ich will gar nicht das irgendein Joggie in meinem Haus Digital herumpfuscht. Finger da wech.

Ich unterstelle ihm aber keine böse Absicht. Ich bin überzeugt, dass er von seinen Produkten überzeugt ist und dass er glaubt, dass es so muss wie es ist.

Ein Argument war: Die Anlage kostet dich (wir waren per Du) nicht mehr als ein Handyvertrag. Oh sage ich. 10 Euro im Monat? Geil.

Aber er hat ja recht. Jeder bucht sich sein Smartphone bei seinem Provider und klickt sich Verträge mit monatlichen Grundgebühren zwischen 40 und 60 Euro im Monat oder auch mehr, weil es ja ein iPhone oder das Ding Samsung sein muss. Das ist ganz normal und gesellschaftlich angesehen. Ist ja keine Finanzierung (das wäre ja eher komisch), sondern eben eine Handymiete). Witzig ist auch, dass Leute, die sowas machen, mich komisch anschauen, wenn ich davon erzähle, dass mein Auto finanziert ist.

Ich komme vom Thema ab.

Wie oben er wähnt hatte der Gute nen festes Drehbuch und ließ sich davon nicht abbringen. Das ist ein Problem, denn ich kann dem Kostenvoranschlag nicht zu 100 % vertrauen. Ich möchte z.B. den Speicher auf dem Dachboden haben und das Kabel soll dafür durch den leeren Schornsteinschacht gelegt werden. Geht das? Kostet das mehr? Fragen die nicht beantwortet wurden.

Wir sind schon beim Thema Geld, dann bleiben wir da. Er will mir ja eine Ersparnis verkaufen. Also rechnet er mir vor das der Strom jedes Jahr um 6 % steigt und das ich so in 20 Jahren knapp 80 000 Euro an Kosten habe.

Die Fakten

Wir sind für die Rechnung davon ausgegangen, dass wir zukünftig mit einem E-Auto ca. 7000 kw/h Strom im Jahr verbrauchen werden. Wie realistisch das ist, kann ich nicht beurteilen.

  • 32 000 Euro kostet mich die passende Anlage mit Speicher und allem „notwendigen“ Schnickschnack – grob.
  • 220 € im Monat müsste ich für die Finanzierung aufbringen
  • 50 € im Monat müsste ich für zusätzlichen Stromeinkauf rechnen.
  • 30 € im Monate würde ich durch Stromeinspeisung verdienen.
  • Monatliche Belastung also 250€

Aktuell zahle ich 170 € im Monat für Strom (bei 7000 kw/h wären es 233 €

Also? Ich muss ziemlich draufzahlen. Hinzukommt, dass in dieser Rechnung viele Annahmen stecken. Wir müssen ja einfach annehmen, dass die Anlage einen gewissen Wirkungsgrad erreicht und das im Sommer überproduziert und verkauft wird. Ob das am Ende wirklich so hinhaut, kann mir keiner versprechen.

Die vorläufige Entscheidung

Der Verkäufer hat mir ja oben vorgerechnet, dass ich 80 000 Euro an Kosten habe und so zahle ich selbst mit Zinsen „nur“ 40 000 Euro für die Anlage. Unterm Strich also ne mega Ersparnis. Eine Recherche ergibt, dass der Strompreis die letzten 10 Jahre (bis auf das letzte Jahr) stabil geblieben ist. Die 6 Prozent beruhen auf einen Artikel, der sich den Strompreis die letzten 30 Jahre angeschaut hat und zu einem Zeitpunkt geschrieben wurde, als der Strompreis bei 67 Cent pro kw/h lag. Also sehr Verkaufsfördern.

Die Prognose der Bundesregierung ist, dass der Strompreis in den nächsten 20 Jahren um die 42 Cent pendeln wird. Die Anlage wird sich also erst rentieren, wenn ich diese abbezahlt habe, in 20 Jahren. Bis dahin hab ich 20 000 Euro Mehrkosten gehabt. Es dauert dann nochmal 10 Jahre, um diese Mehrkosten abzutragen und erst dann fange ich an Profit zu machen. Die Entscheidung ist also ganz klar: Nein.

Fazit

Das Ganze ist aber auch ein Pokerspiel. Es gibt soviel Variablen. Ein Nachbar ersetzt gerade seine Heizungsanlage durch eine thermische Batterie zur Warmwassererzeugung. Damit kann er noch mehr selbstproduzierten Strom nutzen und vor allem die viel teureren Heizkosten einsparen.

Durch die intelligenten Stromzähler wird es sicher interessante Einkaufsmodelle geben. Strom nutzen, wenn der billig am Markt zu bekommen ist. Vielleicht reicht mir ja auch ein Speicher ohne das ganze Gelumpe auf dem Dach?

Wenn das Kind ausgezogen ist, wird mein Energiebedarf drastisch sinken. Weniger Duschen, viel weniger Waschen, weniger Heizen und so weiter. Komme ich dann mit 2000 kw/h aus? Und wo werde ich in 10 Jahren sein? Wohne ich dann wirklich noch hier oder gehe ich weg? Wird ein Käufer Kosten für die Anlage übernehmen?

Zurück zu den Fakten. Dieses Angebot, das ich erhalten habe, rechnet sich nicht. Ich werde mir noch ein oder zwei einholen und berichten. Es bleibt also spannend.

1 Kommentar

  1. Danke fürs Aufschreiben; ich denke da im Momwent überraschenderweise auch drumrum, bin aber noch nicht in die konkret-rechnende Phase eingetreten.

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