Ich sitze auf Toilette und durchforste mein Smartphone. Beim durch-scrollen der WhatsApp Statis entdecke ich M.s aufruf. M. sucht Drohnenpiloten. Ich zögere kurz, entscheide mich dann aber für neue Abenteuer.
M. ist nicht nur Sandlieferant sondern auch ein Weggefährte in der Telekom. M. ist außerdem seit vielen Jahren in der Wildtierrettung (siehe https://wildtierrettung-ammerland.de/) aktiv und hat hier das Thema Drohnen stark voran getrieben. In den letzten Jahren hat er immer wieder dezent darauf hingewiesen das man weitere Piloten benötigt. Ich erteilte ihm aber eine Abfuhr. Ich hatte genug Probleme.
Am Mittwoch, den 27.5. machte M. wieder einen neutralen Aufruf über WhatsApp und diesmal sprang ich drauf an. Und M. nutzte die Gelegenheit und verhaftete mich sofort für den ersten „Einsatz“. Direkt am nächsten Morgen (Donnerstag) sollte ich ihn begleiten. 4:15 sollte es los gehen.
Als ich Pebbles davon berichtete, zeigte mir sie mit dezenten Gesten das ich wohl einen am Kopp hätte. Aber wenn ich meine, dann soll ich halt machen. Ich plante um 3:45 aufzustehen um wenigstens noch einen schnellen Instantkaffee trinken zu können bevor es lost geht. Ich ging früh schlafen, 21:30 oder so, die Nacht war aber schrecklich. Ich wollte M. nicht enttäuschen und hatte daher Angst zu verschlafen. In der Folge wachte ich wohl einmal die Stunde auf, schaute auf den Wecker und schlief weiter. Um 3:30 stand ich dann auf.
Aber was genau ist denn überhaupt der Auftrag? Bauner mähen Ihre Felder ab um das Gras weiter zu verarbeiten (Tierfutter etc pp). Die Rehkitze (also Tierbabys) liegen in diesen Feldern. Und wenn diese klein sind, dann bleiben die leider auch liegen oder stehen viel zu spät auf. In der Folge würden die Tiere vom Mähwerk erfasst und getötet werden. Oder schlimmer: Schwer Verletzt und der Bauer müsste den Gnadenakt ausführen. Um diese Tierleid zu verhindern, gibt es Gesetze die den Landwirt verpflichten Maßnahmen zu treffen.
Hier kommt der Verein Wildtierrettung Wilde Herzen ins Spiel. Die Landwirte können das abmähen Ihres Feldes dem Verein melden (Uhrzeit, Datum und Lage des Feldes mitteilen). Bevor das Feld abgemäht wird, kommt ein Pilot mit einer Drohne und einigen Helfern zu dem Feld. Die Helfer haben große Körbe und lange Stangen dabei. Die genutzte Software (siehe https://thermaldrones.de/) berechnet einen Kurs über das Feld. Der Pilot fliegt den Startpunkt an und startet dann die Suche. Die Drohne fliegt dann das Feld ab. Auf dem Bildschirm sehen wir das Bilde einer Wärmebildkamera und halten Ausschau nach hellen weißen Punkten.
Ist ein solcher Punkt zu sehen, fliegt der Pilot diesen Punkt manuell an und schaltet auf die Sichtkamera um und versucht im hohen Gras zu identifizieren was hier die Wärmequelle ist. Dazu muss er ggf. mit der Drohne weiter runterfliegen und näher ran zoomen. Findet er etwas schützenswertes setz er eine Wegmarke und fliegt weiter. Nach dem das ganze Feld abgesucht ist, gehen die Helfer los. Auf Ihrem Handy haben diese ebenfalls die Map des Feldes und können sich so mit GPS zu der Wegmarke leiten lassen. Der Pilot kann zusätzlich bei der Orientierung helfen, in dem er mit der Drohne über dem Tier schwebt.
Kommen die Helfer beim Tier an, muss es schnell gehen. Der Korb wird „beherzt“ über das Tier gestülpt und dann mit einer Stange gesichert. Der Bauer wird dann später das Feld bearbeiten und dabei natürlich die geschützten Tiere umfahren. Anschließend kommen die Helfer zurück und lassen das Tier wieder frei.
M. war pünktlich um 4:15 vor der Tür und wir fuhren nach Apen. Der Auftrag war: 9 verschiedene Felder abfliegen, Rehkitze ausfindig machen und sichern. An Feld Nr. 1 trafen wir auf 5 „Helfer“. Jäger aus diesem Revier. Meine Ambivalenz zu dem Thema hab ich vor einigen Jahren verbloggt (siehe https://alphathiel.de/ein-leben-wurde-gerettet-ein-leben-wurde-genommen/ und https://alphathiel.de/das-ding-mit-der-jagd/) und muss schnell feststellen, das es ein Vorurteil ist, mit dem die Jäger sich öfters konfrontiert sehen. Ich weiß noch immer nicht was ich davon halten soll und blende diesen Teil aus. Die Dame und die 4 Männer sind sympathisch und sehr bemüht für die Sache.
M. baut alles sehr routiniert aus und beginnt mit der Suche. Er erklärt mir einige Dinge, aber natürlich geht alles viel zu schnell. Wir haben das Ziel um 8 Uhr unsere Arbeit anzutreten und wollen daher keine Zeit verlieren. Auf dem Feld 1 hoppelten nur ein paar Hasen. Alles wieder ins Auto, und weiter zum nächsten Feld. Dieser Teil war mir nicht bewußt. Dieses schnelle Wechseln des Einsatzortes hätte ich nicht erwartet. Aber so ist es eben. Die ersten Felder sind klein und alles geht schnell. Während M. seine Arbeit verrichtet und ich versuche so viel Informationen aufzusaugen wie es geht und auf dem großen Bildschirm versuche weiße Punkte bereits vor M. zu entdecken. Neben bei unterhalten sich die Jäger mit sich und mit uns.
Es geht hin und her. Die vielen Eindrücke und auch die vielen Ortswechsel zerren ein wenig an meinen Nerven. Ich bin ehrlich, ich weiß gar nicht mehr wo wir sind und auch nicht wo die Drohne gerade herumfliegt.
Die Helfer erzählen von Früher. Noch vor einigen Jahren ist man mit viel mehr Helfern angekommen und ist dann in einer Kette über das Feld gelaufen. Oft hat man dann trotzdem die Tiere nicht gefunden, weil das Grass so hoch ist. Das mit der Drohne ist eine tolle Sache und eine wirklich Erleichterung. M. berichtet mir auch von den Entwicklungen der Drohnen. Hier ist viel passiert in den letzten Jahren. Software, Zubehör, Akkulaufzeiten etc pp. Alles entwickelt sich stetig weiter.
Am vorletzten Feld entdecken wir dann endlich drei Tiere. Und ich sehr auf dem Bildschirm sehr gut, wie doll das Grass die Tiere versteckt. Erst als die Drohne vll 2 Meter über dem Tier schwebt und die Propeller das Grass zur Seite biegen sieht man das Tier. Und teils muss man selbst dann ganz genau hinschauen. Die Tiere springen auch nicht auf, obwohl sie durchaus die Drohne bemerken und als „nicht normal“ empfinden.
Am Ende werden wir 4 Tiere gesichert haben. Der Verein wird an diesem Tag 11 Tiere sichern. 11 Tiere die an diesem Tag Ihr leben nicht qualvoll beenden müssen. Und das wäre passiert. Diese Tiere wären vor dem Trecker nicht geflohen. Diese Tier wären jetzt einfach Tot.
Und das macht schon ein wirklich gutes Gefühl. Da kann man auf Schlaf verzichten und sich ein wenig die Füße abfrieren. Die Helfer waren schlimmer dran. Die Jeanshosen hatten sich bis über die Knie mit Wasser vollgesogen. Klar, so hohes Graß am frühen Morgen ist eben sehr feucht und wenn man da durchläuft nimmt der Stoffe die Feuchtigkeit auf. Keine Chance da trocken zu bleiben.
Für mich gibt es jetzt wohl einiges zu tun. Scheine machen, M. weiter begleiten und Erfahrung sammeln und natürlich die Technik erlernen. Der flotte Umgang mit der Software und solche Dinge. Ich glaube, die größte Herausforderung für mich wird aber tatsächlich der Umgang mit den anderen Menschen sein. Mal sehen, wie das wird.
Mehr Informationen findet ihr unter https://wildtierrettung-ammerland.de/. Und wenn ihr möchtet, könnt Ihr gerne eine Spende da lassen. Tierwohl kostet Geld und man freut sich über jede kleine Unterstützung.
Und natürlich gibt es so was nicht nur im Ammerland. Im ganzen Bundesgebiet gibt es Vereine und Privatpersonen die sich um dieses Thema kümmern. Eine Übersicht dazu findet sich unter https://kitzrettung-hilfe.de/helpmap/.



Wildtierrettung
Geschichten aus dem Alltag des Tierschutzes. Mehr Hintergrundinformationen finden sich unter https://wildtierrettung-ammerland.de. Und natürlich würden wir (und die geretteten Tiere) uns freuen wenn Ihr uns mit Spenden (https://wildtierrettung-ammerland.de/spenden/) unterstützt – Danke.
