Wenn man so die Schlagzeilen ließt, dann muss man schon schlucken. Das wirkt im ersten Moment als ob der Bürger mal wieder total verarscht wird. Aber ist das wirklich so? Und was wären die Alternativen? Gute Frage nech…
Geht man weg von den Nachrichtenportalen und informiert sich direkt bei Bundesministerium für Arbeit und Soziales (klick), dann stellt man fest: Das ist insgesamt ne wirklich runde Sache.
Was ich gut finde
Die Empfehlungen enthalten diverse Automatismen und das ist eine gute Sache. Denn so wird nicht mehr Jahr für Jahr über die Rente diskutiert. Sie wird nicht Teil von Wahlprogrammen. Es gibt keine unnötigen Drohszenarien und falsche versprechen. Eine ganz klare Regelung: Menschen werden älter = Sie gehen später in Rente. > Die Arbeitskraft bleibt gleich. Genauso machen wir es ja auch mit den Rentenbeträgen. Sie werden so angepasst das die Kaufkraft gleich bleibt.
Für mich bedeutet das: Eintrittsalter 67,5 Jahre, statt 67 Jahre. Na, ob ich noch ein Winter mehr arbeite. Scheiß drauf.
Vorstände und Berufspolitiker müssen auch Beiträge zahlen. Das wird zwar nicht viel retten, mach aber was mit den Menschen und wird zu mindestens die Politiker davon abhalten über Beitragserhöhungen zu debattieren.
Minijober müssen zahlen bzw. Minijobs sollen abgeschafft werden. Und hier bin ich mir nicht sicher was ich davon halten soll. Irgendwo stand etwas von 12 Millionen Mini- und Midijobs. Das ist mal ein Hausnummer. Pebbles arbeitet ja im Einzelhandel und hat einige Minijober im Umfeld. Diese haben alle zwei Jobs. Einen Steuerpflichtigen und einen Minijob. Und das aus zwei Gründen:
- Es lohnt sich mehr bei Arbeitgeber A 30 Stunden und bei Arbeitgeber B 10 Stunden die Woche zu arbeiten, als bei Arbeitgeber A auf 40 Stunden hoch zu gehen. Den der Minijob ist ja Lohnnebenkosten befreit und so verdient man den vollen Mindestlohn für den Minijob. Ein Plus auf dem Konto.
- In vielen Gewerben braucht man die Teilzeitkräfte und Minijober um flexibler Planen zu können. Also lieber 4 Teilzeitkräfte als 2 Vollzeitkräfte einstellen. Fällt eine Teilzeitkraft wegen Krankheit aus, hat man noch drei. Fällt eine Vollzeitkraft aus, hat man noch eine Person. 3 Teilzeitkräfte können ggf. Überstunden machen und so die ausgefallene Person ersetzen. Eine Vollzeitkraft schafft das nicht. Das hat also zur Folge das mancher keine Vollzeitstelle bekommt und sich einen zweiten Job anschaffen muss um über die Runden zukommen. Für andere ist es aber auch ein netter Zuverdienst. Im Handwerk wird (gerüchteweise) der Minijob genutzt, damit man beim Besuch der Zollbehörde einen Arbeitsnachweis hat. Wie viel Stunden der Handwerker dann in echt kloppt, steht auf nem anderen Blatt.
Wenn es 12 Millionen Minijober in Deutschland gibt, dann zeigt das definitiv das wir ein strukturelles Problem haben das zu kleinen Gehältern führt und damit zu löchern in der Rentenkasse und dem Sozialsystem.
Worüber man sprechen muss
Holger (klickerdieklick) eröffnet den Kampf der Generationen. Er behauptet die jungen Menschen fangen zu spät an zu arbeiten und müssten Kompensation zahlen, statt zu feiern (ja, stark verkürzt). Das sehe ich anders. Natürlich können wir darüber sprechen ob jeder eine Abitur machen muss um dann Koch oder Dachdecker zu werden. Das alle Mädchen hier in der Nachbarschaft nach dem Abitur erst mal ein Jahr zuhause bleiben und das von den Eltern geduldet und gefördert wird ist sicherlich auch ein Thema – wenn auch eines der gutbürgerlichen Mitte – die ja bekanntlich schrumpft. Hier würde die Kompensationszahlung auch sicherlich vom Elternhaus getragen werden.
Bestraft würden damit sicherlich die Menschen die versuchen sich hochzuarbeiten. Menschen deren Eltern es sich nicht leisten können diese zu unterstützen. Die ein Abitur geschafft haben, weil sie einen besseren Job möchten. Diese würden ein zusätzliches Paket ans Bein geschnürt bekommen. Die sind aber schon heute ganz sicher nicht faul. Es wäre eine Strafe die die falschen trifft.
Im Umkehrschluss hat auch jeder Mensch mit 64 sich nicht kaputt gearbeitet. Ich bin mir ganz sicher, das ich meinen Job noch mit 70 ausführen kann. Vielleicht nicht mehr so effektiv wie heute, da ja durchaus auch die geistigen Fähigkeiten nachlassen können. Der viel zitierte Fliesenleger wird das sicher anders sehen, aber…
Die Kommission empfiehlt, dass Menschen in rentennahen Jahrgängen, die nach einer individuellen Gesundheitsprüfung nachweislich nicht mehr in ihrem letzten langjährig ausgeübten Berufsfeld erwerbstätig sein können, einen vereinfachten Zugang zu einer Rente erhalten sollten. Auf eine Verpflichtung zu beruflichen Neu- und Anpassungsqualifizierungen sollte in dieser Altersgruppe verzichtet werden.
… auch der wurde berücksichtigt.
Und ja. Für die betroffenen gibt es eben zwei Punkt die Hart sind: Beamte sollen Rentenbeiträge zahlen. Das bedeutet natürlich einen erheblichen Finanziellen einschnitt und die Altersrente nach 45 Jahren soll wegfallen. Das bedeutet das Holger 2 Jahre länger im Arbeitsleben bleiben muss, wenn er abschlagsfreie Rente beziehen möchte und das ist natürlich ein Pfund.
Aber: Wir reden hier von einem Sozialsystem. Es ist ein geben und nehmen. Wir zahlen unsere Rente nicht in in Kapitalkonto ein und können verlangen das wiederzubekommen, was wir eingezahlt haben. Es geht darum den Lebensabend abzusichern. Wann der Lebensabend beginnt, das bestimmen dann wird. Denn eine Rente mit 64 ist weiterhin möglich, eben nur mit Abschlägen. Und das muss man sich dann halt überlegen, was es einem Wert ist.
Im übrigen ist es durchaus möglich die letzten beiden Jahre vor Rentenantritt arbeitssuchend zu sein, allerdings werden diese beiden Jahre nicht mehr zu den Beitragsjahren gezählt. Es hat also auch dann noch einen Vorteil 45 Jahre gearbeitet zu haben.
Dennoch hab ich natürlich volles Verständnis dafür, das die „Betroffenen“ darüber nicht happy sind.
Ich persönlich hab vor allem ein großes Problem mit der „Empfehlung 28: Zusätzliche Rente aus Kapitalanlagen – verpflichtend für alle“ – und hoffe hier einfach mal, das meine Kapitalanlage in mein Eigenheim angerechnet wird. Ich will nicht das mein Geld in irgendwelche beschissenen Aktienfonds landet und damit den Börsenmarkt stärkt der wiederum die Kohle für irgendeinen Scheiß ausgibt und am Ende platzt die Blase und das Geld ist weg.
Wie immer auf andere Länder geschaut und behauptet wird: Wie toll das ist. Naja, dann schaut mal in die USA wo die Renten von Millionen an der Börse liegen und durch Platzen von Immobilienblasen in Gefahr geraten (siehe https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/524122/die-finanzkrise-von-2007-2008-und-ihre-folgen/).
Fazit:
Natürlich würde ich mir auch was anderes wünschen. Ich würde gerne mit 65 in Rente gehen und würde mich freuen wenn das Geld dann nicht nur zum überleben reicht. Und ja, für den einen sind die Einschnitte größer als für den anderen. So lange wir aber nicht über radikalere Lösungen nachdenken, werden wir wohl damit leben müssen.
Radikaler, Alex? Was meinst du denn damit? Das schreibe ich im nächsten Beitrag.
