Lange ist die Kirche eben etwas wo man hingeht. Wo man Dinge tut. So wie die Schule oder der Kindergarten. Das etwas großes dahinter steht, etwas das mein Leben lenken soll, das ist mir gar nicht klar. Mit 11 wurde dann aber die nächste Stufe gezündet. Neben dem Sonntag, ging man jetzt am Samstag zur Jungschar. Jugendliche / ältere Kinder treffen sich in der Kirche. Es wird gekickert, Sketche gespielt, gesungen… solche Dinge.

Man ist beschäftigt, die Eltern entlastet und ganz nebenbei wird einem der Glaube an Gott und die Erlösung durch Jesus beigebracht. Für die Kids aus den „Kernfamilien“ ist es ein ganz normaler Tag unter Freunden. Für mich wird es hier aber langsam ernster. Ich beginne einen Glauben zu entwickeln. Ich merke aber auch, das ich nicht dazugehöre.

Ich will nicht sagen das ich gemoppt wurde, aber ich gehörte eben nicht zum Kern. Das wiederum hatte den „Vorteil“ das ich mich mehr auf die Erwachsenen fixiere und deren Botschaften aufsauge. Mein Glaube an Gott wächst, mein Glaube an den Menschen wird dafür immer weniger.

Regelmäßig finden in der Gemeinde sogenannte Missionswochen statt.

Wie schon erwähnt, gibt es in der Baptisten Gemeinde keine Kindstaufe. Der Gläubige soll sich, wenn er soweit ist, bewusst für Gott entscheiden und tritt dann, mit diesem Schritt, in die Kirchengemeinde ein.

Um diesen Schritt zu begünstigen, findet eine Woche lang, jeden Abend ein langer Gottesdienst statt. Es gibt meist ein Motto über das dann jeden Tag gesprochen wird. Die Predigen bauen aufeinander auf und man hat das Bedürfnis jeden Tag dabei zu sein. Oder es kommt ein Gastprediger aus einer entfernen Gemeinde. Manchmal sogar ein Prediger aus den USA. Es werden also Anreize geschaffen, jeden Abend vor Ort zu sein.

Jeder dieser Abend ist sehr feierlich. Besondere Musik, besonderes Setting. Nach der eigentlichen Predigt gehen dann Leute auf die Bühne und erzählen von Ihren Erfahrungen mit Gott. Und es wird die Frage gestellt ob man nicht auch diesen Drang verspürt. Dies Drang zu Gott zu kommen. Dazu zu gehören. Dann singt der Chor ein besonders tolles Lied. Alle sitzen da, schließen die Augen, haben den Kopf geneigt. Und der Prediger fragt nochmal: Fühlst du Gott? Willst du dazugehören? Wenn ja, bekenne dich zu deinem Glauben und stehe auf. Sage Ja.

Die ersten Abend passiert da meistens nicht viel, aber spätestens am Freitag gibt es viele die Aufstehen. Man ist beseelt. Man könnte auch sagen, das man gebrainwasht ist. Ich weiß nur das ich es gefühlt habe. Ich hatte das Bedürfnis aufzustehen. Ich hatte schwitzige Hände, ich hatte ein kribbeln am Rücken und Gänsehaut am ganzen Körper. Etwas zog an mir. Ich musste JETZT aufstehen.

Am Ende einer dieser Wochen, mit 12 Jahren, war ich also soweit. Ich wollte Mitglied dieser Gemeinde werden. Ich stand auf, sang laut mit und sah im Auge meiner Mutter eine Träne. Die Kirche hatte mich jetzt am Haken. Mit mir noch 12 andere. Einige Erwachsenen die von der EV kamen, und einige Kids aus der Gemeinde. Jetzt blieb man dran. Gleich am nächsten Sonntag wurde man nochmal dafür gefeiert, das man diesen Entschluss getroffen hatte. Am Donnerstag darauf musste man sein Glaubensbekenntnis vor den Gemeinde-Ältesten ablegen und ziemlich schnell danach, stand man in in einem weißen Karateanzug … Taufanzug .. in einem großen Planschbeecken und wurde vom Pastor getauft.

Und auch dieser Moment war großartig inszeniert. Die ganze Gruppe, alle in weißen Anzügen aus dickem Stoff sitzen vorne in der ersten Reihe. Es gibt eine feierliche Predigt. Der Posaunenchor spielt, wie die Engel vom Himmel herunter. Die Anspannung wächst. Man ist teil von etwas großem. Gleich geht man ins Wasser und kommt als erlöster Christ heraus und ist teil einer großen Gemeinschaft und wird nur noch Glücklich sein.

Und dann steht man im Wasser und fragt sich noch wie der kleine zarte Pastor einen wieder hochbekommen wird und Schwups ist man unter Wasser. Und als man wieder hochkommt, aus der Stille der Tiefe, spielt der Trompetenchor sein Lied und man ist zu Tode gerührt und feierlich und überhaupt.

Nein … das ist natürlich alles keine Sekte. Das ist vollkommen normal. Gar nicht schlimm. Wirklich. So ist es zu glauben. Das ist alles freier Wille.

Losing my religion

Mein Leben in der Kirche