Das Jugendzentrum


Wie in jeder guten Kommune hat natürlich auch unser Dorf ein Jugendzentrum. Ich hab ja selber mal semiprofessionell eine Jugendzentrum mit geleitet und hab daher vielleicht etwas Erfahrung. Aber damals hatten wir noch alternativen. Die meisten wohnten in Einfamilienhäusern und hatten eigene Zimmer und konnten dort Besuch empfangen, wir wurden durch die jeweiligen Eltern geduldet. Manche hatten Partyhütten oder Partykeller wo wir Zeit verbringen konnten. Andere Eltern liebten es, junge Menschen um sich zu haben und man hat einfach gemeinsam in der Küche gesessen.

Und damals war das mit dem Jugendschutz noch nicht Sache. In die kleinen Diskos kam man auch mit 15 Problemlos rein. Zeltfeste, Schützenfeste etc pp. Alles kein Problem. Und weil man auf dem Dorf war, kannte man immer einen Erwachsenen der einem Charly oder Cola-Korn besorgt hat.

Heute ist das eben anders. Bei uns waren die Freunde meines Sohnes lange Zeit immer willkommen und die haben so manche Hausi in seinem Zimmer abgehalten. Aber natürlich hat auch das seine Grenzen und so wird eben auch viel irgendwo im Dorf rumgelungert. Das findet dann nicht jeder Anwohner gut und dann gibt es ärger. Aber ich schweife ab. Jugendzentrum – ein Ort, also, an dem sich Jugendliche treffen und Freizeit miteinander verbringen können. Gute Sache.

Houston, wir haben ein Problem

An einem Freitag waren wir auf dem Weg in den Oldenburger Stadtnorden um uns dort mit Freunden zum Grillen zu treffen. Gerade als wir auf die Autobahn fuhren klingelte mein Handy. Mein 15,5 jähriger Sohn am Telefon: „Hey Papa, du musst bitte herkommen. Hier sind die Bullen“. „Wo ist hier? Und was ist los?“ „Beim Jugendzentrum. Ich bekomme eine Anzeige weil ich jemanden Gewalt angedroht habe!“

Da bekommt man schon ordentlich Puls.

„Du sagst der Polizei das ich auf dem Weg bin und sonst gar nichts!“, lautet meine Anweisung. Wir sitzen im Audi eines Freundes der uns abgeholt hat. Wir sind zu viert. Wir fahren zuerst zu den grillenden Freunden, dann nehme ich den Audi und fahre wieder zurück. Es dauert gut 30 Minuten bis ich auf dem Parkplatz des Jugendzentrums halte. Ich muss mich erst mal sehr zusammenreißen. Ich hatte schon einen Cola Rum getrunken und gerade pumpte ordentlich Adrenalin in den Körper. Da geht was, sag ich euch.

Vor dem Gebäude stand ein Gruppe Jungs, auch mein Bengel, und ich bekam einen kurzen Abriss der Geschehnisse. „Klappe halten, alle! Ihr redet euch um Kopf und Kragen.“

Ich ging in das Jugendzentrum und wurde von zwei Polizeibeamten (Mann und Frau) begrüßt. Im Vorbeigehen sah ich in der Küche ein Pärchen, vll Mitte 20, stehen und bei den Polizeibeamten stand noch eine dritte Frau (ebenfalls Mitte 20). Ich fragte, was denn jetzt vorgefallen sei. Wir holten den Beschuldigten (also meinen Sohn) dazu und setzen uns an den Tisch und ich bekam die Geschichte erzählt.

Der Vorfall

Eine Woche vorher, die anwesende Leiterin des Jugendzentrums hatte nicht gearbeitet, hatte mein Sohn mit ein paar Kumpels auf der Freifläche hinter dem Jugendzentrum Fussball gespielt. Den Ball dafür hatte man sich aus dem Jugendzentrum ausgeliehen. Mein Sohn hatte seinen Motorradhelm als Pfand für den Ball hinterlegt. Irgendwie ist das Ball verlorengegangen. Die Jungs sind dann wieder ins Jugendzentrum und haben dort gechillt und sind dann irgendwann gegangen. Mein Sohn hat beim gehen den Helm mit genommen. Die anwesende Aufsicht hat es wohl nicht mitbekommen.

An diesem Freitag wollte die Chefin jetzt aber diesen Ball wieder haben (Anmerkung: Kein teurer Lederfussball sondern so eine billige Plastikpille). Die Jungs machten sich auf die Suche, aber ohne Erfolg. Die Chefin behielt dann einfach den Helm meines Sohnes ein. Er würde den Helm wieder bekommen, wenn der Ball da ist.

Daraus entwickelt sich natürlich eine Kausalitätskette: Ohne Helm kann er nicht mit dem Roller fahren, er müsste also nach Hause laufen. Der Roller würde beim Jugendzentrum stehen bleiben. Die nächste Öffnungszeit ist am Dienst, also vier Tage kein Fahrzeug – dazu weiter die Frage: der Ball ist weg, was tun? Mein Sohn hat sich wohl in die Ecke gedrängt gefühlt und wurde, natürlich, durch die anwesenden Kumpels bestärkt und versuchte eine Sinnlose Diskussion zu gewinnen. Das ganze mündete dann darin das ihm die Tür vom Jugendzentrum vor der Nase zugeknallt wurde. Daraufhin hat er Drohungen ausgesprochen und mit dem Fuss gegen die Tür getreten. Jetzt wurde die Polizei gerufen.

Das Gespräch

Ich war sehr verwundert. Das mein Sohn jähzornig ist, weiß ich. Das hat mich nicht gewundert. Mich hat gewundert wie eine pädagogisch ausgebildete Fachkraft es nicht schafft so eine Situation deeskalierend zu behandeln. Das sagte ich auch (und schrieb das auch später in einer Beschwerde an die Kommunale Verwaltung). Darauf hin begann die „Fachkraft“ sich lang und breit über diese Jugendlichen zu beschweren. Wie unmöglich die sind und was die immer alle für ein Scheiß bauen. Und dann kiffen die immer auf den Toiletten, sie hat das ja geduldet bisher, aber jetzt eben nicht mehr. So geht das nicht. Es gibt Regeln die eingehalten werden müssen …. die Polizisten die bis hier still ihre Notizen gemacht hatten, wurden etwas hellhörig, sagten aber weiter erstmal nichts.

Ich hörte mir das alles an und machte mir ein Bild. Definitiv saß hier keine Pädagogische Fachkraft vor mir. Eher eine vollkommen überforderte junge Frau die dachte sie kann hier easy etwas Geld verdienen. Eben zweimal die Woche aufschließen und abschließen, schauen das nichts kaputt geht und mit den eigenen „vielleicht etwa asoizalen Freunden“ abhängen und Kaffee aus der Gemeindekasse trinken. Und während ich das dachte, musste ich weiteren Schaden abwenden. Das Thema Kiffen war in dem Zusammenhang vielleicht nicht das beste. Zu diesem Zeitpunkt noch generell illegal in Deutschland und für einen Minderjährigen sowieso.

Ich fragte wer denn die beiden Personen in der Küche sind. Sind das auch Mitarbeiter? Nein, das sind Freunde von ihr. „Der junge Mann sieht aber ja recht kräftig aus, da hatten sie wirklich Angst vor meinem Sohn? Hätten Sie denn keine Lösung finden können?“ Es folgt wieder eine Redebrei aus dummen und nicht zusammenhängenden Vorwürfen.

Und nochmal: Mein Sohn hat sich falsch verhalten. Gar keine Frage. Aber man kann eine solche Situation so oder so lösen und eine ausgebildete und einigermaßen intelligente Person hätte eine Exit-Strategie angeboten: Okay, wenn der Ball weg ist, dann musst du den bezahlen. Du läßt was anderes als Pfand hier. Okay, du hast Zeit bis Dienstag eine Lösung zu finden … oder oder oder. Aber diese Person war einfach frustriert und überfordert und hat das an einem 15 jährigen ausgelassen der in seiner eigenen Überforderung vollkommen über das Ziel hinausgeschossen ist. Aber wer ist hier die Erwachsene Person.

Die Polizisten merkten das es hier zu keinem Konsens kommt und übernahmen die Gesprächsleitung.

„Herr Thiel, wir werden eine Anzeige gegen Ihren Sohn schreiben und das geht dann zur Staatsanwaltschaft. Wir können nicht sagen, welche Konsequenzen das hat. Aber gerne können wir bei Ihrem Sohn einen Drogentest machen, damit sie wissen woran sie sind.“

„Nein danke, das ist nicht notwendig“ sage ich und es folgen Belehrungen und Erklärungen. Was der Polizist im Detail gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Es war für mich auch belanglos.

Ich wende mich nochmal an die Leiterin des Jugendzentrums: „Was ist denn jetzt mit dem Ball? Wie viel Geld schulde ich Ihnen? Und was ist mit dem Helm?“ „Der Ball? Egal, die Gemeinde wird neue kaufen.“ sagt sie mir und überreicht mir den Helm. Beim rausgehen teile ich mit: „Mein Sohn ist sehr aufgebracht, ich möchte daher nicht das er noch Roller fährt und nehme ihn mit nach Hause. Ich hoffe es ist in Ordnung wenn wir den Roller hier stehen lassen.“ „Ja natürlich, gar kein Problem!“ Mein Sohn schaut mich fragend an… „Wenn du damit los fährst, halten die dich um die Ecke an und dann kommt der Drogentest!“.

Nachklapp

Die Tatsache des es den Jungs einfacher gemacht wird, illegale Drogen zu besorgen als Alkohol sorgt dafür das Kiffen in dem Alter ein großes Thema ist (sehe ich zumindestens so). Und ja, da wurde einiges konsumiert. Mein Sohn hat mir versprochen niemals bekifft mit dem Roller zu fahren und hat das, nach meiner Beobachtung, auch nie getan. Ich weiß wie er bekifft ist und wie er ist wenn er nicht bekifft ist.

Aber, er wird Marihuana im Blut gehabt haben. Das baut sich ja deutlich schlechter ab als Alkohol. Weiß man ja alles. Und der Wert wird hoch gewesen sein. Einfach weil man beinahe täglich konsumiert hat. Für die Polizei und die Staatsanwaltschaft hätte das sicherlich gereicht um weitere Konsequenzen zu ziehen – auch wenn niemals eine unmittelbare Gefahr für irgendwen bestanden hätte.

Durch die Gemeinde Edwecht wurde im Anschluss ein Hausverbot für 3 Monate ausgesprochen. Lustigerweise für das Jugendzentrum in Edewecht und nicht für das in Friedrichsfehn und den Vornamen meines Sohnes hat man auch nicht richtig geschrieben – ich mein ja nur.

Von der Strafanzeige ist nie etwas gekommen. Gar nichts. Nicht mal die Einstellung des Verfahrens.

Police – Storys

Mein erster Kontakt mit der Polizei war eine allgemeine Verkehrskontrolle und dieser Kontakt wiederholt e sich dann alle paar Jahre. Mit dem Heranwachsen meines Sohnes änderte sich die Frequenz und auch die Erahrungen mit den Herrschaften sehr. Aber lest selbst.