Loslassen


Jetzt wo der Junior wieder Solo ist, ist er viel mit dem Auto unterwegs (1500 km in drei Wochen, stellten wir jüngst fest). Und er chilled wieder viel. Auf jeden Fall ist er nur wenig zuhause. Das ist okay, so war ich in dem Alter auch. Go with the flow, Brudi!

Aber es fällt mir schwer, ihn nicht zu maßregeln. Wenn er am nächsten Tag in die Schule muss und er um 22 Uhr nicht zuhause ist, zum Beispiel. Dann möchte ich ihm schon sagen: Komm nach hause, du musst schlafen, morgen ist Schule. Aber Hey, er ist volljährig und ich will das er selbstständig wird und am liebsten das er auch bald auszieht. Wenn ich das will, muss ich ihm gleichzeitig auch seinen freien Willen lassen.

An einem Sonntagabend fuhr er mit dem Auto nach Vegesack. Dort wohnt sein Tätowierer und die hatten sich zum stechen verabredet. Wir haben einen richtigen Winter hier und die Straßen sind voller Schnee und Eis. Natürlich sind die großen Straßen geräumt und das eigentlich alles kein Problem. Dennoch frag ich ihn, ob das nicht ein paar Wochen Zeit hat. Man kann das dann ja auch machen wenn das Wetter wieder besser ist und man muss sich ja nicht unnötig in Gefahr bringen.

Junge Menschen sehen das anders. Man will das jetzt und macht das jetzt. Er schreibt uns, kurz bevor der Typ seine Arbeit beginnt. Das ist 20 Uhr. Wir sind hundemüde und liegen um 21:30 im Bett. Um 3 Uhr morgens wache ich auf und stelle fest das im Nebenzimmer die Tür offen ist. Ein Zeichen dafür das der Junior nicht da ist. Vielleicht ist er unten auf der Couch eingeschlafen, kommt schonmal vor. Ich stapfe herunter und sehe schon das kein Auto im Carport steht und kein Kind auf der Couch. Ich bekomme direkt Herzrasen, kalte und warme Hitzeschauer und ein ganz wenig Panik.

Ich bin ja schon einiges gewohnt in den letzten Jahren, wirklich. Aber irgendwas ist in dieser Nacht anders. Während ich nach oben gehe und mein Handy hole, male ich mir schon die schlimmsten Dinge aus. Im Kopf lege ich mir schon die Suchbegriffe zusammen um Polizeidienststellen zu erreichen, und Krankenhäuser und solche Dinge. Also ich die Nummer vom Sohn wähle, ist er sofort dran und lacht. Er chillt halt noch bei einer Freundin. Alles gut. Er kommt gleich nach Hause.

Als ich dann um 5:30 wieder aufstehe, finde ich ihn schlafend auf der Couch.

Das war schon doll. Seit dem arbeite ich weiter an der Abnabelung. Frag nicht mehr, wann er nachhause kommt und wo er hin will. Schicke ein Nachti wenn ich schlafen gehe und lasse ihm seinen Freiraum. Mit jedem Tag, werde auch ich dadurch ein wenig Freier. Wird auch Zeit…