Keks

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Ich bin ja ein abgeklärter Typ. Ich empfinde es als absolutes Privileg das man sein geliebtes Haustier vor Leiden bewahren kann und hab wenig Verständnis für Tierbesitzer die Ihre Tiere durch lange und quälende Krankheitsverläufe begleiten. Meine Frau und ich haben darüber schon das eine oder andere Mal gesprochen ….

Als die Tierärztin bei der Untersuchung dann aber immer stiller wurde (sie erklärt immer alles was sie tut und sieht), blickten wir uns in die Augen und es war klar das wir Keks erlöst werden würde, war die Entscheidung aber dennoch nicht einfach. Es bricht etwas im Herzen.

Unterschwellig war es uns wohl schon vorher klar. Schon auf dem Weg zum Arzt sprachen wir nicht, mein Puls war hoch. Die Anspannung groß. Man machte sich seine Gedanken ohne zu sprechen. Seit Tagen hat er nur Durchfall, Atmet schwer, hat einen sehr großen straffen Bauchraum. Er bellt den Paketboten nicht an, frisst nicht, liegt an und gewohnten Stellen. Liegt morgens noch unterm Küchentisch, obwohl er zum Schlafen immer unter die Treppe geht. An diesem letzten sonnigen Freitag liegt er aber mit meiner Frau im Garten und genießt die Sonne, geht nicht nach 5 Minuten wieder rein oder buddelt sich unter einem Strauch ein. Aber er wälzt sich auf dem Rasen und scheint sich wohl zu fühlen.

Auf dem Untersuchungstisch zupfen wir ihm Moos aus dem Fell und entdecken eine kleine Schürfwunde. Wie peinlich … die Ärztin fragt viel und wir schöpfen Hoffnung. Sollte er vielleicht nur eine Infektion haben? Ist er einfach nur sehr geschwächt? Seine Arthrose wird ihn sicher auch quälen aber da kann man ja Medikamente geben. Dann berührt die Ärztin den Bauchraum und ruft Ihre Helferin das Keks ins Ultraschall muss.

Wir wechseln den Raum und müssen ein wenig warten. Wir sagen nichts. Wir warten. Keks liegt und röchelt. Für das Ultraschall muss er auf dem Rücken liegen. Er macht solche Sachen ja immer mit. Totales vertrauen in sein Herrchen. Beim hochheben und drehen mach ich mir dolle sorgen das er Schmerzen in der Hüfte hat. Man kennt das ja mit den Gelenkschmerzen und den unkontrollierten Bewegungen. Gut ist das nicht.

Als wir dann in Position sind, liegt er auf dem Rücken und ich hocke am Kopfende und halte seine Vorderläufe. Er legt seinen Kopf auf meinen Arm und entspannt. Vertrauen.

Das Ultraschall zeigt Flüssigkeit im Bauchraum … wir stellen Ihn wieder hin und die Ärztin entnimmt eine Probe. Blut. Dann findet sie auch Einblutungen um das Herz herum. Sie erklärt welche Schritte wir jetzt gehen können. Wird dabei aber immer langsamer, leiser. Es schwingt immer das „Aber“ mit. Mein Frau und ich schauen uns in die Augen, beginnen zu weinen und sind uns still einig.

Mit gebrochener Stimmer sag ich: „Wir haben immer gesagt, er soll sich nicht quälen.“

Wir heben Keks vom Untersuchungstisch und er legt sich auf die Fliesen. Es scheint ihm etwas besser zu gehen. Die Ärztin hatte während des erklärens die Flüssigkeit aus dem Bauchraum auslaufen lassen. Aber natürlich ist das nur von kurzer Dauer. Wir bekommen Zeit uns zu verabschieden. Ich hole meinen Sohn von Zuhause, er möchte sich natürlich auch verabschieden. Seine Freundin und sein bester Freund kommen ebenfalls mit. Keks bekommt noch viele Streicheleinheiten und drückies.

Als die Ärztin dann kommt, bin ich alleine mit Ihr und dem Hund. Keks ist absolut ruhig und entspannt. Ich hab sehr das Gefühl das er weiß was passieren wird. Und sein Blick sagt mir: „Danke, es ist okay.“ Es mag Einbildung sein, andererseits kennt man sein Tier. Man hat ja schon viel gemeinsam durchgemacht.

Die eine Nacht, vor vielen Jahren, wo er einen Anfall hatte und zuckend vor meinem Bett lag. Ich hatte mich zu ihm gesetzt, ihn festgehalten und Armen und Beinen umschlungen und halt und nähe gegeben bis er sich beruhigt. Die Nächte in der Ferienwohnung als er eine Magenverstimmung hatte und ich die ganze Nacht neben ihm geschlafen habe. Immer eine Hand an seinem Körper woraufhin er ruhiger und entspannter wurde. Und die letzten Tage, wo er sich zwar streicheln ließ, er es aber nicht genießen konnte. Keine Entspannung, kein mit dem Kopf ankuscheln.

Jetzt war er ruhig, entspannt und genoss die Streicheleinheiten. Ich sollte Ihm leckerlies geben, die er auch annahm. Er machte sogar noch einen langen Hals um auch jeden Keks zu erwischen. Und dann schlief er ein.

Keks ist ein perfektes Mitglied unserer Familie – Wie wir ist er Stur und ein Arschloch. Aber er liebt uns, und wir ihn.