Krankfeiern


Da lese ich beim Daniel den Beitrag „Unreflektiert meckern“ und muss dabei dann sehr schmunzeln. Und dem „unreflektiert sein“ können sich viele Menschen eine Menge von abschneiden, muss ich ja mal sagen. Wie dem auch sei, Daniels verstecktes understatement sei hier nicht das Thema. Das Thema ist wohl viel mehr die Aussagen des besten Kanzlers den wir bekommen konnten. Den Kanzler den wir wohl verdient haben. Unsere Krankenquoten sind zu hoch, richtig?

Ich versuche ja bewusst mich von der Berichterstattung des täglichen Geschehens zu schützen, aber dennoch finden einzelne Brocken immer wieder den Weg zu mir. Schrecklich. Und eigentlich sollte man die Aussage von Herrn Merz weg ignorieren. Man darf die gar nicht reproduzieren und damit auch nur den Ansatz der Chance ermöglichen das sich diese Narrativ verfestigt. Aber was soll ich machen, ich bin nur ein einsamer Blogger mit der Sucht nach etwas Aufmerksamkeit. Also muss ich über so ein Thema halt schreiben. Und da ich ja nur auf Daniel und nicht Herrn Merz reagiere, ist das wiederum fein für mich.

Soweit die Einleitung, soweit so gut.

Gibt es Menschen die Krankfeiern?

Ja. Natürlich.

Ein Ex meiner Schwester war arbeitete in einem größeren mittelständischen Unternehmen als Schichtleiter in der Produktion und war auch aktiv im Betriebsrat tätig. Er hat immer gesagt, das eine durchschnittliche Anzahl an Kranktagen pro Mitarbeiter eingepreist sei. Würde man diese nicht „in Anspruch“ nehmen, würde man den Schnitt senken und sich damit nicht nur unfair den Kollegen gegenüber verhalten, sondern auch dem Betrieb schaden – die langfristige Kalkulation würde dadurch ja nicht mehr aufgehen.

Ich verstehe die Idee dahinter, finde die Konsequenz daraus aber ziemlich falsch. Aber es zeigt aber zum einen die Kehrseite eines reichen Sozialstaates – nämlich das einzeln immer das große Ganze zum persönlichen Vorteil nutzen – zum anderen aber auch das es genug Richtfertigungsstrategien für das eigene Handeln gibt.

Also ja, es gibt Arbeitnehmerinnen die sich vollkommen im Recht fühlen, wenn diese beim kleinen Kinkerlitzchen zur Hausarztpraxis des Vertrauens flitzen und sich eine Krankschreibung holen. Und das ist eben immer einfach. Wenn man regelmäßig bei der gleichen Praxis ist, reicht oft ein Telefonat für eine Krankschreibung, vll noch die Karte durchziehen und fertig. Und das kenne ich aus meine 30 Jahren Berufsleben nicht anders.

Es ist ja auch gar nicht die Aufgabe eines Arztes seinen Patienten zu hinterfragen. Geht es diesem schlecht, warum auch immer, kann eine Auszeit vom Alltagsstress wunder bewirken. Für viele Alltagskrankheiten (Hexenschuss, grippaler Impfekt, Kopfschmerzen, Magenverstimmung) ist Ruhe die beste Medizin. Und wenn das vereinzelt auftritt, dann macht man ja nicht sofort die großen Untersuchungen. Das wäre ja auch unverhältnismäßig. Das würde ja auch das wichtig Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient schädigen. Und vom Betriebswirtschaftlichen wollen wir hier gar nicht sprechen.

Also auch bevor es eine offizielle Krankschreibung per Whatsapp gab, haben viele gute Hausärzte das Prinzip schon gelebt. Ich kenne Praxen wo neben der Sprechstundenhilfe ein Stapel Krankschreibungen und ein Stapel Rezepte lagen. Blanko unterschrieben. Und die Sprechstundenhilfe hab die durchaus auch ohne Arztbesuch befüllt.

Es ist also auf ganzer Lieber totaler Quatsch was Propaganda-Merz da von sich läßt. Weder ist der angeblich hohe Krankenstand ein Problem für unsere Volkswirtschaft noch läßt sich dieses Problem damit lösen, das man mehr Bürokratie anschafft. Das weiß der alte Pimmelkopf ja auch. Er will ja nur möglichst viele Nebelkerzen zünden, die uns beschäftigen und von den wirklichen Problemen ablenken. Nebenkriegsschauplätze die uns beschäftigen und ablenken sollen.

Krankenquote ist ein Problem

Jeder, der in einem Betrieb Personalverantwortung hat oder sich einfach für seinen Job engagiert weiß das es ein Problem ist, wenn Menschen sich Krankmelden. Das geht schon beim Organisatorischen los. Wenn niemand da ist, der einen Laden aufschließt, kann man nichts verkaufen. Meldet sich also um 6 Uhr jemand Krank weil er schlecht geschissen hat, muss jemand anderes los und den Laden aufschließen. Entweder klingelt die Person mit Verantwortung also sämtliche Mitarbeiter aus dem Bett und fragt höflich ob jemand einspringt oder steht selber im Laden. So kann man auch auf eine 6 Tage Woche mit 45 Stunden Arbeitszeit kommen.

In produzierenden Betrieben bleibt dann entweder Arbeit liegen oder es gibt genug Personal das hier einspringen kann. In Büro und Verwaltung sicherlich ähnlich. Hier kommt dann das „eingepreist“ von oben zum tragen. Der Personalschlüssel ist im besten Falle so gewählt das eine gewisse Anzahl an Kranken ausgeglichen werden kann. Der Kapitalismus und die wirtschaftstreue Politik (Gruss an Herrn Schmerz und seiner CDU [Clup der Unternehmer]) lassen diese Schutzschicht aber immer mehr schrumpfen. Unternehmen können oder wollen sich sowas nicht leisten.

Und wie bekommt man das jetzt in den Griff?

Mitarbeiterinnen die sich mit dem Betrieb, dem Team oder Ihrer Aufgabe verbunden fühlen, ziehen eher durch. Ganz klar. Wenn ich Verantwortung für mein Produkt empfinde, dann setzt ich mich dafür ein und opfere mich auch auf. Und da stehen wir wieder vor dem selben Problem wie in meinem Beitrag Der Mythos von der Fachkraft.

Zu viele Menschen haben zu viele Jobs die sie nur wegen dem Geld machen und nicht aus Berufung. Schweinesystem.

Und bei Thiels zu hause?

Meine Frau und ich kommen vermutlich auf 20 Kranktage in den letzten 6 Jahren, gemeinsam und inklusive Corona. Wir beide lieben unsere Jobs. Wir haben das Gefühl entscheidene Treiber zu sein und das es ohne uns nicht läuft. Wir wissen zwar, das es Quatsch ist. Aber die Überwindung, wegen eines Schnupfens zu hause zu bleiben ist groß.

Unserem Sohn dagegen müssen wir noch beibringen, das er kein Schüler mehr ist. Er muss lernen das sein Ausfall ein Verlust von Arbeitskraft bedeutet. In einem relativ kleinen Handwerksbetrieb kann das bedeuten das Kunden nicht zeitnahe bedient werden und das ist schlecht fürs Geschäft. In einem kleinen Betrieb kann das durchaus zum Ende des Betriebes führen und das wäre auch nicht gut für ihn. Sein Handeln hat direkten Einfluss auf sein Berufsleben – das wird ihm langsam bewußt – das hat aber auch 1,5 Jahre gedauert.

Fazit?

Gibt es nicht. Ich weiß nicht wo ich hin wollte. Ich wollte es nur mal niedergeschrieben haben.