Der Wauzi im Maisfeld

Der Wauzi im Maisfeld


Ein Hund mit Flexi-Leine hat sich verabschiedet und hängt vermutlich in einem Maisfeld fest. Die Wildtierrettung-Ammerland soll helfen.

Wir waren gerade von unserem Kurz-Trip aus Amsterdam zurück. Die Koffer waren ausgepackt, die erste Waschmaschine gestartet. Der Pudel, noch leicht verstört und etwas beleidigt weil wir sie bei Oma und Opa abgeliefert hatten, brauchte Streicheleinheiten vom besten Herrchen der Welt. Ich setzte mich also aufs Loveseat, legte die Beine hoch und rief den Pudel zu mir. Während ich mit der einen Hand streichelte, scrollte ich mit der anderen Hand auf dem Smartphone herum.

In der Piloten-Gruppe des Vereins poppte eine Nachricht auf. Ein Hund ist entlaufen und wird in einem Maisfeld vermutet. Ob ein Pilot einmal drüber fliegen könnte. Da ich nichts wichtiges zu tun hatte, meldete ich mich und begann den „Einsatz“ zu organisieren.

  • Ich brauchte eine Drohne, also M kontaktieren. Der hatte natürlich schon mitgelesen und kümmert sich darum das die Akkus gefüllt sind.
  • Den „Melder“ kontaktieren und einen Treffpunkt besprechen.
  • Familie in Kenntnis setzen.

Während dessen stieg mein Puls. Die Bedienung der Drohne ist noch nicht so richtig verinnerlicht. Bei einigen Funktionen muss ich überlegen was zu tun ist. Unter Stress vergisst man Dinge noch mehr. Ich mache mir also etwas Sorgen ob das alles so klappt. Die Angst ist groß etwas zu übersehen und dann Schuld zu sein, das dieses Tier elendig verendet. Aber es hilft nichts. Ich muss Erfahrung sammeln, nur dadurch kann ich besser werden.

Als wir aus Amsterdam zuhause angekommen waren, ist es knapp 22 Grad. Als ich zum Maisfeld fahre bereits 25 Grad. Es herrscht ein böiger Wind und wird immer wärmer. Für den Abend sind Gewitter gemeldet. Meine innere Unruhe steigt. Die Bedingungen sind nicht ideal. Die Drohne wird mehr Wind ausgleichen müssen, die Akkus entsprechend schneller leer sein. Vielleicht wird es wackelig sein. Werde ich auf der Wärmebildkamera überhaupt was sehen wenn es so warm ist? Wie wird der Umgang mit dem Suchenden sein?

Während der 30 Minütigen Anfahrt hatte ich den Suchenden angerufen und Bescheid gesagt wann ich da sein werde. Das hätte ich lieber sein lassen. Ich hätte nach der Ankunft gerne noch 5 Minuten gehabt um mich in Ruhe einzurichten. Monitor anschließen, Drohne starten und durchatmen. Statt dessen Stand er schon hinter mir, als ich ausstieg.

Der Typ war absolut nett und sehr gelassen. Ich erfahre das der Hund zur Pflege aufgenommen wurde und eigentlich einen Tag später weiter vermittelt werden würde. Ihm war bereits am frühen morgen beim Gassi gehen ein Dummheit passiert und da war die Fellschnauze dann weg. Weil der Hund sein „zuhause“ nicht kennt, ist nicht zu erwarten das er von selbst wieder kommt. Er zeigt mir bei Google Maps wo man schon gesucht hat und in welchen Feldern das Tier vermutet wird. Er spricht von einem weißen großen Tier. Wie ein Schäferhund.

Ich bin irgendwie ziemlich aufgeregt, habe Puls und denke nicht richtig nach. Aufbau und Start der Drohne klappt Problemlos, aber aus irgendwelchen Gründen denke ich, das es eine gute Idee wäre das erste Feld frei Schnauze abzufliegen. Ziemlich dusselig. Auf dem Display der Fernbedienung sehe ich meine Flugroute und lasse definitiv zu viel Fläche aus. Mittlerweile ist es 28 Grad und sehr Windig. Auf dem Wärmebild kann ich die Bewegung der Mais-Pflanzen sehen. Das sie beinahe poetisch aus. Ich ärgere mich später das ich das nicht gefilmt habe. Aber die Tierrettung war ja das Ziel.

Es gibt zwar hier und da kleine weiße Punkte, was auf Lebewesen deutet, aber es läßt sich nichts erkennen. In der Mitte des Feldes gibt es eine kleine Bauminsel mit Sträuchern und hohem Gras. Ich gehe mit der Drohne auf 10 Meter runter und drehe den Gimpel nach vorne, so das ich in das Gestrüpp reinschauen kann, sehe aber nichts. Ich flieg einmal langsam seitwärts um die Insel und wiederhole den Vorgang von der anderen Seite. Nichts. Das gleich mache ich jetzt mit der Wallhecke rund um das Feld. Nix. Mittlerweile ist das Akku leer und ich hole die Drohne zurück.

Der Suchenende telefoniert und ich hab einen Moment für mich und denke nach. So wird das nichts. Als die Drohne gelandet und das Akku gewechselt ist, plane ich über die App der Drohne (siehe https://thermaldrones.de/) die Felder ein und kann jetzt die Felder automatisch abfliegen. Die Route gewährleistet das ich die vollständigen Flächen erfasse und bei der Suche den Finger für den Gimpel frei habe. Ich starte die Drohne und lass die Software ihren Job machen. Beim Flug schwenke ich den Gimpel immer ein wenig. Durch die Veränderung der Sichtachse sehe ich viel mehr Punkt. ich finde Hasen und ein Reh. Aber keinen Punkt.

Das ich überhaupt Tiere gefunden habe, beruhigt mich doch sehr. Ich kann dem Suchenden beweisen das es funktioniert und mich selber damit beruhigen das es Grundsätzlich funktioniert. Ich fliege noch 5 weitere Felder ab. Jeweils auch alle Wallhecken händisch. Leider ohne Ergebnis. Während des letzten Feldes kommt die Frau des Suchenden angefahren und weint sehr. Ich, selber Hundebesitzer, muss mich jetzt doch sehr zusammenreißen. Bis hier war das alles sehr sachlich und beinahe anonym. Aber der Gefühlsausbruch macht das alles deutlich realer.

Wir beraten uns und haben aber keine Idee mehr. Hinter den Feldern die ich abgeflogen habe, kommen nur noch Wiesen und wenn der Hund da lang ist, kann er schon sonst wo sein. Ich packe meine Sachen und verabschiede mich.

Ich fahre ein Stück und stehen dann am Wegesrand um schreibe mit Pebbles und telefoniere mit M. und sammel mich kurz. Dann fahre ich weiter als mein Telefon klingelt. Der Suchende hat ein Tipp bekommen, ob ich da und da nochmal herkommen kann. Klar. Ich fahre zum besagten Ort. Die letzten 300 Meter über einen Feldweg aus Schotter. Es staubt und es gibt viele Bodenwellen. Der nächste PKW muss wohl ein SUV werden. Hilft ja nix. Ich bin vor dem Suchenden am Zielort und bin mir aber nicht ganz sicher ob ich richtig bin und spreche eine Passantin an die mit Ihren Hunden spazieren geht. Nichts gesehen, nichts gemeldet.

Der Suchende kommt an und zeigt auf den kleinen Wald hinter mir. Dort soll ein jaulen zu hören gewesen sein. Das Wäldchen ist total zugewuchert. Die Bäume hoch und dicht. Es ist nicht daran zu denken, dort durchzulaufen (nicht ohne Machete) und es ist auch ziemlich klar das ich mit der Drohne nur die Blätterdecke der Bäume sehen werde. Dennoch starte ich einen Flug und sehe und finde nichts. Immerhin kann ich in der Mitte eine Lichtung erkennen, aber auch hier ohne Getier. Auch ein zweiter Flug ist ohne Erfolg. Ich fahre nach Hause.

Als ich zuhause ankomme erreicht mich eine Suchanfrage über Social Media für diesen Hund. Der gesuchte Hund sieht eher aus wie ein Beagle. Kleiner als ein Schäferhund und hat braune Flecken im Fell. Der halbe Kopf ist braun von oben. Vielleicht war der eine Hase doch der Hunde der da im Feld liegt und weil ich nach strahlendem Weiß gesucht habe, habe ich nicht genauer hingeschaut. Ich mache mir Vorwürfe und überlege nochmal hinzufahren. Aber erst mal Blutspenden. Während ich dort in der Warteschlange stehe, erhalte ich eine Nachricht das der Hunde gefunden wurde. Ein Glück. Tatsächlich auch in dem ersten Feld das ich abgeflogen bin.

Learning für mich:

  • Bild zeigen lassen
  • Nach Schema vorgehen
  • Nicht zu viel erzählen lassen

Wildtierrettung

Geschichten aus dem Alltag des Tierschutzes. Mehr Hintergrundinformationen finden sich unter https://wildtierrettung-ammerland.de. Und natürlich würden wir (und die geretteten Tiere) uns freuen wenn Ihr uns mit Spenden (https://wildtierrettung-ammerland.de/spenden/) unterstützt – Danke.