Der von mir sehr geschätzte Christian Fischer hatte vor einiger Zeit einen Beitrag darüber geschrieben, warum es wichtig ist das er seine Krankheit und seine Gefühle ins Internet schreibt. Konkret wurde von jemanden gefragt „Warum aber müssen kranke Menschen immer wieder auf ihre Krankheiten hinweisen“ und er hat diese Frage eben beantwortet, mit ein wenig Nachdruck.

Einige Wochen später hat er dann festgestellt das es keine Verlinkungen auf diesen Beitrag gibt und das so gewertet, das es ein Tabu-Thema ist. Tatsächlich liegt der Beitrag „Müssen kranke Menschen immer wieder auf ihre Krankheiten hinweisen und darüber erzählen?“ seit dem erscheinen in meiner Aufgabenliste. Ich wollte diesen nochmal in Ruhe lesen und für mich bewerten. Das hole ich hiermit einmal nach:

Ich hab das ja schon häufiger erwähnt. Genau wegen solcher Artikel lese ich Blogs. Ich mag es wenn Menschen mir aus Ihrem Leben erzählen. Ich mag es, wenn diese Menschen dabei schonungslos sind und eben auch oder vor allem die Schattenseiten darstellen. Und das nicht aus Voyeurismus. Ich ergötze mich daran nicht. Ich lerne dadurch andere Seiten meiner Mitmenschen kennen. Von Menschen die ich in meinem Umfeld nicht habe, oder die sich mir gegenüber nicht öffnen. Beides möglich. Ich erhoffe mir davon das es mir hilft ein besserer Mensch zu sein. Gerade in der Tiefe in der Christian das praktiziert ist das wirklich hilfreich.

Es gibt aber auch Momente, wo ich solche Beiträge lese und die Augen verdrehe. Das ist nicht fair. Denn ich bin in dem Moment nicht offen. Ich bin in dem Moment frustriert und will mich mit Christians Leiden nicht auseinandersetzen. Dann denke ich: Stell dich nicht so an. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Christian (und auch andere kranke Menschen) Dinge besprechen die mir auch widerfahren. Probleme die ich im Alltag auch lösen muss. Der Unterschied: Mir fällt es leicht diese zu lösen. Und das muss ich mir eben immer wieder bewusst machen. Ein Teil des Prozesses.

Und aber, ich erlaube mir solche Beiträge nicht zu lesen, wenn ich nicht offen dafür bin. Link in die ToDo-Liste und weiter geht’s. Das wird Christian nicht merken und ich auch mir tut es nicht weh und es sicher viel Besser als im Internet meine schlechte Laune in Kommentarspalten abzuladen.

Aber es gibt eben auch die Schattenseiten – nämlich Menschen die sich einer zugehörig sind und dieses als Waffe nutzen. Menschen mit Migranten-Hintergrund die beim Ladendiebstahl erwischt werden und sofort die Rassismus-Keule rausholen. Was besonders witzig ist, wenn der arabischstämmige der russischstämmigen in einem deutschen Geschäft vor wirft ein Nazi zu sein. Menschen die auf der Arbeit ihr angebliches Burnout vorschieben und darum bitten das man Rücksicht nimmt – aber gar kein Problem damit haben Ihre Freizeit mit Aktivitäten vollzupumpen und von Event zu Event zu springen oder die ersten sind die sich für die Weihnachtsfeier anmelden (da gibt es ja was umsonst). Wobei ich natürlich hier ggf. dem einen oder andern Unrecht tue – kann sein.

Oder die „Ernährungswissenschaftler-Weltverbesserer“ und eben auch die Menschen die Ihre kleinen Befindlichkeiten als ausgewachsene Angststörung und Depression selbst diagnostiziert haben und dann mit Ihrem Internetwissen jeden voll texten – einfach weil sie sonst nichts im Leben haben und sich so als was besonderes fühlen. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, spielt der Fragesteller bei Christian auf diese Personen an bzw erkennt nicht das es hier Unterschiede gibt.

Und ist es ein Tabu-Thema? Nein … es gibt eben Krankheiten die schwer zu erfassen sind und dann ist es auch schwer darüber zu sprechen. Man möchte niemandem auf die Füsse treten und man möchte auch nicht anecken – also hält man lieber die Klappe. Ist das ein Tabu Thema?

Ich würde mir ja wünschen, das wir nicht darüber sprechen müssen weil es egal ist. Weil es normal ist. Weil es eben so ist, wie es ist. Unsere Gesellschaft kann das. Sie kann es sich leisten und sie ist intelligent genug. Und Christian hat recht, dazu müssen Randgruppen gesehen werden. Nur wenn wir uns daran gewöhnen wird das außergewöhnliche zum Normalen.

Links

Müssen kranke Menschen immer wieder auf ihre Krankheiten hinweisen und darüber erzählen?

26.4.2026 – der letzte Klick