Bei einem langjährigen Freund hat sich die berufliche Situation extrem geändert – er ist damit extrem unzufrieden und müsste sich eigentlich nach was neuem umschauen. Er ist, genau wie ich, seit über 30 Jahren beim gleichen Unternehmen. Sich von diesem Unternehmen zu trennen, scheint keine Option zu sein. Der Neuanfang fällt schwer, die Ängste sind groß. Von anderen wird ihm geraten durchzuhalten. Bei neuen Jobs hat man Probezeit und man könnte Arbeitslos werden. Jetzt hat er doch eine sicherer Stelle. In diesem Moment bin ich sehr wütend geworden. Vor allem über mich selber.
Anfang / Mitte der 1990 Jahre war die Arbeitslosenquote in Deutschland hoch und die Ausbildungsbetriebe hatten gar kein Problem damit Ihre Ausbildungsplätze zu belegen. In der Folge wurden die Anforderungen angezogen und z.B. brauchte man für eine Lehre zum Bankkaufmann ein Abitur, was mir bis heute unverständlich ist. Aber auch bei vielen Ausbildungsplätzen wo man kein Abitur brauchte, wurden man durch Abiturenten ausgestochen. Lieber ein schlechtes Abitur als einen guten Realschulabschluss – zu mindestens wurde uns das so erzählt.
Irgendwann kam ein Typ vom Berufsinformationszentrum an unsere Schule und ich erzählt ihm das ich was mit Computer machen möchte. Der einzige passende Lehrberuf ist der Datenverarbeitungskaufmann, sagte er. Dafür gibt es im Bezirk 3 Betriebe und auf die Stellen hätte ich keine Chance. Kein Abitur. Und damit Haken dran.
Ich suchte mir dann Ausbildungsberufe, wo auch nur irgendwo im Beschreibungstext was von Programmieren stand und landete so bei der Telekom. 5 Bewerbungen hatte ich geschrieben. Von drei Betrieben gab es nicht mal eine Absage. Am ersten Ausbildungstag nahm uns die Gewerkschaft jegliche Hoffnung auf eine Übernahme. Gleichzeitig wurde uns suggeriert das wir die beste Ausbildung überhaupt bekommen, mit der wir aber „draußen“ gar nichts anfangen könnten.
Mitschüler haben übrigens 20 – 50 Bewerbungen geschrieben, viele sind aus Verzweiflung weiter zur Schule gegangen. Fachabitur oder normales Abitur. Viele sind dann danach in die Lehre gegangen. Mit Abitur und drei Jahren „Verlust“ in eine Kochausbildung oder im Baumarkt zur Kaufmännischen Ausbildung. Ich hab es nie verstanden.
Als ich mich zu meiner Zivildienststelle beworben hatte, hatten sich 20 Männer auf den gleichen Posten beworben und wir waren alle gemeinsam in einer Infoveranstaltung und mussten uns irgendwie beweisen.
Wie durch ein Wunder gab es dann doch eine Übernahme bei der Telekom. Die Tochter T-Online baute das Callcenter aus und brauchte Leute. Die hätten mich auch ohne Übernahme der Telekom genommen. Die haben einfach jeden genommen. Das war uns nur nicht bewusst. Denn die Gewerkschaft hat es uns als Sieg verkauft. Also etwas das man für „seine Leute“ erkämpft hat.
Weil man nun Leute um sich hatte die schon viele andere Arbeitgeber hatten, oder lange nach einem Job gesucht haben, bekam man mit „wie doll“ das draußen ist, auf dem Arbeitsmarkt. Alle „externen“ waren sich einig das man es jetzt geschafft hat, weil man bei einem großen und sicheren Arbeitgeber gelandet ist. Und dieses Märchen wurde immer weiter getragen und verstärkt.
Mit mir hat das was gemacht. Diese Mischung aus „ich bin nichts wert“ und „es gibt so viele von euch“ und „sei froh das du hier arbeiten darfst“ hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Bis heute hab ich Angst vor Arbeitslosigkeit und unterschätze mein eigenes können. Also ich weiß schon das ich nen guten Job mache, halte es aber für eine Inselbegabung die nur innerhalb der Telekom funktioniert. Und so geht es vielen meiner Kolleg*innen. Und so sitzen wir alle ängstlich in unserem Käfig und hoffen das der Schlachter an uns vorbei geht, statt unser Leben in die Hand zu nehmen.
Und es ärgert mich, das ich darin gefangen bin. Irgendwo, tief in mir. Und das es meinen Freunden genauso geht, auch das ärgert mich.
