Am 1.8.1995 begann ich meine Ausbildung zum Kommunikationselektroniker Fachrichtung Telekommunikation. Und damit begann mein Leben im Konzern der Deutschen Telekom AG.
Ich suchte einen Ausbildungsplatz bei dem ich ein gutes Gehalt beziehe und irgendwas mit Computern machen kann. Laut Stellenbeschreibung wurden diese Anforderungen bei dieser Ausbildung erfüllt und so bewarb ich mich.
Der erste Eindruck
Es war ein sonniger Tag, an dem meine Mutter mich in Oldenburg in der Ammerländer Heerstraße vor dem Gebäude der Telekom aus dem Auto steigen ließ und weiter fuhr um ihren Vater zu besuchen. Auf der Einladung zum Vorstellungsgespräch stand, das die ganze Veranstaltung einige Stunden benötigen würde. Es gab ein Gespräch, einen Einstellungstest und eine Betriebs-Ärztliche Untersuchung. Das war ganz schön viel Aufwand.
Ich kann mich nicht erinnern ob ich aufgeregt war. Aber ich kann mich erinnern das ich auf den Haupteingang zu lief und dort eine Gruppe junger Menschen (also in meinem Alter) sah, die gerade im Innenhof Pause machten. Es wurde geraucht und sich angeregt unterhalten. Die Stimmung war gut. Im Eingangsbereich hingen zwei Telefonzellen und auch dort standen Auszubildende und telefonierten. Die Stimmung hatte ein wenig was von amerikanischen College-Filmen. Habt ihr eine Vorstellung von diesem ersten Moment? Gut.
Ich betrat das kühle Gebäude und meldet mich an und musste im großzügigen Foyer warten. Es war Kühl im Gebäude und angenehm. Und obwohl sich alles wie eine Mischung aus 70 Jahre Verwaltungsgebäude und Schulkomplex anfühlte, fühlte ich mich dort durch aus wohl.
Während des Wartens erkundigte ich das Foyer. Es gab es zwei BTX-Terminals. Ich hatte davon gehört. Genutzt hatte ich so was selber aber noch nie. Ich setzte mich davor und sah eine Art Inhaltsverzeichnis – Zahlen gefolgt von Überschriften. Unten links blinkte ein Prompt. Ich tippte eine Zahl ein und eine neue Seite wurde geladen. Total easy. Allerdings kam bei jeder zweiten Seite eine Meldung das man für die nächste Seite so und so viel Pfennig bezahlen muss und das musste man mit einer PIN bestätigen. Eine PIN die ich natürlich nicht hatte. Dennoch bestärkte mich dieser Eindruck darin, das ich hier richtig bin.
Ich schaute mich weiter um und überall lagen Telekom-Kataloge aus und man konnte sich über Telefone und Faxgeräte informieren. Über Miet- und Kaufpreise. Und während ich da so gesessen und gestöbert habe, liefen immer wieder Auszubildende durch das Foyer um Dinge zu erledigen. Was mir auffiel: Viele der Auszubildenden waren groß. Sehr viele waren deutlich über 1,80m. Einige mit mir auf Augenhöhe.
Ich kann mich weder an das Vorstellungsgespräch noch an die Tests erinnern. Ich weiß nur, wie ich kostenlos von der Telefonzelle im Windfang meinen Opa anrief und meine Mutter mich wieder abholte. Aber ich muss bestanden haben, weil mir einige Wochen später ein Ausbildungsvertrag angeboten wurde, den ich auch unterschrieb. Ich hatte 5 Bewerbungen geschrieben und eine Ausbildung bei der Telekom bekommen. Freunde hatten 30 Bewerbungen geschrieben und wurden Einzelhandelskaufmann bei Schrauben Mayer oder Maurer. Ich fühlte mich auf der Gewinner-Straße.
Der Betrieb
Die Telekom wurde damals gerade privatisiert. Sie war aber noch mehr Post als Telekom AG. Ausgebildet wurden KfBs (Kauffrau/mann für Bürokommunikation) und KEs (Kommunikationselektroniker). Die KE Ausbildung war erst ein paar Jahre alt. Davor wurden Jahrzehnte nur Fernmeldehandwerker ausgebildet.
In der Ausbildung sollten wir Handwerk lernen – also Dinge wie auf Telefonmästen klettern oder im Kabelschacht eine Muffe setzen – aber auch moderne Dinge wie das programmieren. Eine große Range – aber wir hatten ja 3,5 Jahre Zeit.
Als Staatsunternehmen hatte die Telekom einen Bildungsauftrag und bildete Über-Regional und Über-Bedarf aus. In unserem Jahrgang waren wir 20 KEs (18 Männer, 2 Frauen) und 10 KfBs (2 Männer, 8 Frauen) aus dem ganzen Nordwesten Niedersachsens. Einige Jahre zuvor waren es noch dreistellige Zahlen pro Jahrgang.
Der Großteil der Ausbildung fand in den Werkstätten der BBI in Oldenburg statt – stellt es euch ein wenig wie Werkunterricht in der Schule vor. Dann mussten wir natürlich noch in die Berufsschule gehen und es gab auch Betriebseinsätze. Die meiste Zeit war man aber in Oldenburg. Und weil natürlich niemand jeden Tag von Osnabrück oder Emden täglich nach Oldenburg fahren konnte, unterhielt die Telekom ein eigenes Wohnheim in dem die Azubis wohnen konnten.
Im Wohnheim teilten sich immer 2 Azubis ein Zimmer und es gab natürlich auch Verpflegung. Und weil ja immer eine Teil der Bewohner auch Minderjährig waren gab es auch Wohnheim Personal das für eine gewisse Aufsicht verantwortlich gewesen sein muss. Es gab auch eine Hausordnung und als ich die durchgelesen hatte, hatte ich keine Lust mehr im Wohnheim zu leben. Mein Drang in meinen Entscheidungen frei zu sein, war eben groß.
Zwar musste man für das Wohnheim zahlen, ich denke aber das die Telekom hier ordentlich bezuschussen musste, damit sich die Kosten tragen. Mein Anfahrtsweg dagegen waren knapp 30 Minuten. Das war machbar. Und die Fahrtkosten wurden vom Arbeitgeber auch noch übernommen. Aus meiner Sicht war es definitiv die bessere Option zuhause wohnen zu bleiben.
Man muss aber sagen, das war alles schon ganz schön crazy. Meine Freunde von der Schule mussten ab dem ersten Tag produktiv mitarbeiten und haben nur die Hälfte von meinem Gehalt bezogen. Fahrtkosten wurden nicht bezahlt und die Berufsschultage nur als störende Pflicht empfunden. Ich dagegen bin gefühlt einfach auf eine andere Schule gewechselt und wurde für die Anwesenheit bezahlt.
Im Laufe unserer Ausbildung änderte sich aber schon einiges. Die Telekom vergab immer mehr Aufgaben an lokale Subunternehmen und benötigte im Gegenzug immer weniger Handwerker. Darum wurde die KE Ausbildung aufgegeben und durch die ITSE Ausbildung ersetzt. Hier war der Anteil an „digitalen“ Inhalten viel größer. Es wurden dann aber auch viel weniger Auszubildende eingestellt. Genaue Zahlen weiß ich nicht mehr. Weil das so gewesen ist wurde das Wohnheim erst verkleinert, dann umgezogen und dann geschlossen.
Auf dem Gelände in der Ammerländer Heerstrasse war auch der Fuhrpark der Telekom. Es gab eine riesige KFZ Werkstatt die von der Telekom betrieben wurde. Diese wurde bereits im Jahr 1999 aufgegeben und die Aufgaben extern vergeben. Die beliebten Postgolfs wurden verkauft und durch Leasingfahrzeuge ersetzt und so weiter.
Ausbilder gingen in den Vorruhestand und auch in den Betriebseinsätzen hörte man oft Aussagen wie: Xy hat es geschafft. Der kann jetzt mit vollem Gehalt zuhause bleiben.
Die betriebliche Ausbildung
Wir KEs waren 20 Leute auf zwei Teams aufgeteilt. Um 7 Uhr mussten wir in Arbeitsmontur in der Werkstatt der BBI stehen. Pünktlichkeit war unseren Ausbildern sehr wichtig.
Für die Wohnheimbewohner war das eigentlich easy. Die konnten aus dem Bett direkt in Ihre Arbeitskleidung hüpfen und mussten nur über die Straße schlurfen. Dennoch gab es da ein paar Kandidaten die es immer wieder nicht pünktlich schafften.
Die Azubis die nicht im Wohnheim wohnten, musste sich im Umkleideraum im Keller umziehen. Und im Nachgang weiß ich jetzt, das es eine dumme Entscheidung gewesen ist, nichts ins Wohnheim zu ziehen. Im ersten Jahr, bin ich 17 gewesen. Hatte also noch kein Auto. Zufällig hat ein Nachbar in Oldenburg gearbeitet. Der hat mich dann täglich mitgenommen. Das hat meistens ganz gut geklappt. Aber ich musste eben schon eine Stunde vor Dienstbeginn im Auto sitzen. Ich bin also immer so um 6:30 auf dem Firmengelände gewesen und hatte so ausreichend Zeit mich umzuziehen. Nach und nach kamen dann auch die anderen in den Keller. Da war Marco der mit dem Fahrrad aus Wüsting kam. Immer total verschwitzt aber hellwach. Oder Stefan mit dem ich zur Schule gegangen bin und der mit seinem großen Bruder mitfahren konnte. Er war ein Telekom-Kind. Genau wie Andre, dessen Vater auf dem Gelände gearbeitet hat.
Ich will nicht heulen. Ich hatte es mir ja so ausgesucht. Und meistens war der Arbeitsweg ganz einfach. Aber wenn mein Fahrer krank war oder Urlaub hatte, dann wurde es schwierig. Busverbindung gab es zwar, aber war mit 2x Umsteigen verbunden und ich hatte keine Chance pünktlich zu sein. Manchmal fuhr ich mit der Stefan-Fahrgemeinschaft, was aber teuer war, und manchmal mit einer anderen Fahrgemeinschaft die aber sehr abenteuerlich war.
Zurück in die BBI. Es gab am Arbeitstag drei Pausen. Frühstück, Mittag und Nachmittag. Damit die Wohnheimbewohner ausreichend Zeit hatten, war die Mittagspause satte 60 Minuten lang. Die Pausen waren immer viel zu viel, wenn ihr mich fragt. Hätte ich im Wohnheim gelebt, hätte ich diese 2 Stunden Pausen am Tag sicher genießen können. So war das alles mit viel Warten verbunden.
Aber 20 Jugendliche die bezahlt herumlungern … was kann da schon schief gehen? Auch hier, ich will mich nicht beschweren. Das war alles super cool. Nur fand ich das damals schon alles so ineffizient. Freizeit war mir halt wichtig und auch wenn wir herumchillten waren wir nicht frei. Und es ist ja nicht so, das der „Arbeits“alltag so anstrengend gewesen ist, das man so viel Pause benötigen würde. Im Gegenteil. Das war alles sehr locker.
Die Ausbildung war in Module unterteilt. Im ersten Ausbildungsjahr bauten wir einen 19Zoll-Kasten mit einem BUS System den wir mit Netzteil und verschiedenen Einschüben bestückten. Zu jedem Aufgaben-Modul gab es einen dicken Hefter mit der Aufgabenstellung. Wir mussten dann einen Arbeitsablaufplan und eine Teileliste erstellen und dann in die „Produktion“ gehen. Dabei wurden wir dann in die jeweilige Handhabung der Maschinen und Werkzeuge eingewiesen.
Wir lernten dabei wie man Metall bearbeitet aber eben auch wie man Platinen herstellt und natürlich auch alles über Widerstände, Kondensatoren, Spulen und so weiter. Das war schon alles sehr gut gemacht, denn man hat ganz in Ruhe Grundlagen gelernt und diese vertieft und dabei am Ende noch etwas gehabt das man nutzen konnte.
Im zweiten Ausbildungsjahr waren die Module dann schon Telekom spezifischer. Elektronische Alarmschaltungen, Telefonanlagen installieren, Verschiedene Schaltungen der Telefondosen, Vermittlungstechnik, Kabelverlegen, Tiefbau und so weiter. Im zweiten Ausbildungsjahr reichte es übrigens mit Sicherheitsschuhe und Arbeitsjacke in der Werkstatt zu sein und insgesamt wurden man lockerer mit uns.
Daran änderte sich auch im dritten Jahr nichts. Nur das uns da bereits einige verließen. Die Verkürzer hatten die Ausbildung bereits nach 3 Jahren abgeschlossen. Das letzte halbe Jahr, war Prüfungsvorbereitung – offiziell. In Wirklichkeit haben wir nur noch herumgelungert, gelabert und dummes Zeug gemacht. Ab und an kam der Ausbilder rein und schaute ob wir noch leben. Der Ausbilder musste sich auf sein erstes Lehrjahr konzentrieren und andere Ausbilder waren schon im Ruhestand und nicht nachbesetzt worden. War ja in der neuen Telekom nicht mehr notwendig.
Dann mussten wir helfen das Obergeschoss auszuräumen. Die Räumlichkeiten wurden an einen „Callcenter“ Betrieb der Telekom vermietet, hörte man munkeln. Die Ausbilder rümpften darüber die Nase. Aber das war halt so. Beim Auflösen der Werkstätten konnten wir Spinte, Schränke und Werkzeug für nen Euro einkaufen. Einiges davon hab ich noch heute. Hat sich gelohnt die Investition.

Das T steht Thiel
Nach 31 Jahren verlasse ich den Konzern Deutsche Telekom. Mit einem kritischen und versöhnlichen Blick in diese Vergangenheit möchte ich einen Abschluss finden. Eine lange Zeit …
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